Unsere Ballonpaten auf der Bernauer Straße

9. November 2014 – Lichtergrenze zum 25. Jahrestag der Maueröffnung

9. November 2014. Und wiederum treffen sich Freunde und Mitglieder der Ev. Gemeinde am Weinberg, Zeitzeugen und weitere Interessierte im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Widerstandsräume. Hier stehe Ich“ zum Gedenkfinale. Heute vor 25 Jahren ernteten die Bemühungen der Gegner des totalitaristischen Regimes der DDR endlich Früchte. Nach 28 Jahren der faktischen Teilung Deutschlands durch eine dichte, graue, feindselige Mauer ist diese dank der friedlichen Revolution ihrer Gegner endlich geöffnet worden!

Um diesem historischen Tag zu gedenken, initiiert die gemeinnützige Landesgesellschaft Kulturprojekte Berlin GmbH zum 25. Jahrestag der Maueröffnung das Projekt „Lichtgrenze“: 6.900 weiße, beleuchtete Ballons säumen den ehemaligen Verlauf der Mauer von der Bösebrücke in Berlin Pankow, an der die Öffnung der Mauer vor 25 Jahren ihren Anfang nahm, bis hin zur Oberbaumbrücke im Berliner Stadtteil Kreuzberg.

Ganz in der Nähe der Zionskirche, auf der Bernauer Straße zwischen Strelitzer Straße und Brunnenstraße, stehen wir und feiern mit den 25 Ballonpaten aus der Gemeinde am Weinberg und deren Freunden den Fall der Mauer mit. Sogar das kanadische und mexikanische Fernsehen filmen uns dabei, wie wir mit unseren Lebensgeschichten und Glühwein, Punsch und Sekt den Fall der Mauer feiern. Lautstark gedenken wir gemeinsam mit hunderten anderen Anwesenden auf dem alten Mauerstreifen der Geschehnisse vor und nach dem Mauerfall. Freuen uns, dass Freunde aus dem Prenzlauer Berg und aus Charlottenburg oder aus Leipzig und Aschaffenburg heute zusammen feiern können. Fast symbolisch kommt es einem vor, wie ringsherum Kinder über die lange Reihe von Stahlstelen, die als Mahnmal entlang der ehemaligen Mauer entlang der Bernauer Straße errichtet worden sind, klettern.

Auf einem Balkon im Hintergrund haben die Bewohner die Lautsprecher auf die Straße gerichtet – Kurz vor 19 Uhr schallt dann das Lied „Wind of change“ der Scorpions zu uns herunter. Gleichzeitig hören die Ballonpaten über ihre kleinen Radiotransmitter Beethoven’s „Ode an die Freude“. Das Startsignal für die ersten Ballonpaten an der Bösebrücke, ihren Ballon steigen zu lassen.

Fast kurz vor acht, ist es, als endlich wir an der Reihe sind, unsere Ballons steigen zu lassen. Die Hebel, die den Schließmechanismus der mit Helium gefüllen und beleuchteten Ballons öffnen, werden unter reger Anteilnahme und starkem Applaus umgelegt. Einige Feuerwerke gehen hoch und dann „fällen“ wir unser Stück der Mauer – 2014 zum Glück nur die aus hellen Lichter-Ballons.

Einige Impressionen vom Sonntag und unseren Ballonpaten:

Hier geht’s zum Beitrag von Radio Canada: http://ici.radio-canada.ca/nouvelles/international/2014/11/09/005-mur-berlin-25-ans-commemorations.shtml?isAutoPlay=1

Ausstellungseröffnung “Radikal persönlich”

Eine geradezu festliche Stimmung herrscht in der Zionskirche am Abend des Reformationstags 2014. Viele sind gekommen, um die Ausstellung „Radikal persönlich. Zeitdokumente der Friedlichen Revolution“ der Fotografin und Grenzgängerin Ann-Christine Jansson zu sehen.
Man kann sich im Fluss der zahlreich Erschienenen förmlich von Bild zu Bild, von Objekt zu Objekt treiben lassen. Neben den Fotografien, die Momentaufnahmen einer vergangenen Zeit dokumentieren, zeugen unter anderem auch technische Relikte, wie das Vervielfältigungsgerät der Firma Japy, vom Mut und Kampfgeist der Oppositionellen.
Die Ausstellung zeigt sehr eindrücklich, wie sich der Widerstand im Untergrund organisierte und zeichnet ein feinfühliges Bild der Lage Deutschlands auf beiden Seiten der Mauer, vor und nach der Wende. Warnfried Altmann begleitet die Veranstaltung auf dem Saxophon mit einer expressiven Dekonstruktion von „Auferstanden aus Ruinen“. Darin lässt er Zerfall und Untergang hörbar, und dank der besondere Akustik in der Kirche, fühlbar werden.

Anschließend sprechen Ulrike Poppe, Bischof Dr. Markus Dröge und die Künstlerin selbst kommt zu Wort. Pünktlich um 18 Uhr läuten die Glocken und bitten die sich auf der Empore versammelten Besucher hinunter zum Festgottesdienst.

Julia Jennek

Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann Foto: Vera Rüttimann

Filmvorführung “ANDERSON” auf der Empore der Zionskirche

Nachdem am 6. Oktober alle Bücher der WendeLESE verstaut wurden und die Sonne langsam hinter den Kirchenfenstern verschwunden war, erlebte die Zionskirche eine Premiere der anderen Art – Die Empore unter dem blauen Fenster verwandelte sich in ein Kino.

Circa 50 Leute drängten sich um kurz vor Acht auf die Empore, um Annekatrin Hendels Film „ANDERSON“ zu sehen. Sascha Anderson, der Dreh- und Angelpunkt des dokumentarischen Films, war eine zentrale Figur der Kunstszene im Prenzlauer Berg. Viele Männer bewunderten ihn, Frauen schwärmten für ihn und seine Kontakte ermöglichten vieles, was die Einschränkungen gewöhnten ostdeutschen Künstler nicht für möglich gehalten hätten. Ende der 1980er Jahre kommt dann zutage: Anderson arbeitet schon seit Jahren für die Stasi, berichtet regelmäßig über seine Freunde und Bekannte.

Im Anschluss an den Film gibt es die Gelegenheit zu einem Gespräch. Eröffnet wird die offene Diskussion durch Juliane Wiedemeier mit einem kurzen Interview der Filmemacherin Annekatrin Hendel.

Schnell wird klar: Das Gesehene scheidet die Geister. Einige der Anwesenden, vor allem die Zeitzeugen, reagieren mitunter erbost und verständnislos auf den vermeintlich „Bühne-bietenden“ Film. Die Jüngeren im Publikum sehen den Film mit etwas anderen Augen und bemerken vor allem die einfühlsame Interviewführung der Autorin.

Dieter Zander, dessen Bilder das Publikum umrahmen, meldet sich als einer der letzten zu Wort. Als Künstler hat er einen etwas anderen Blick auf Anderson. Er findet, der Film stelle den Casus Knacktus der Person Anderson wunderbar dar: “Kunst ist auf eine gewissen Art immer Lüge. Und Anderson ist ein Künstler, irgendwie auch ein Genie. Er hat sich als so eine Art Gesamtkunstwerk gesehen – uns als ‘Kunstobjekt’ kann man ihm daher Unwahrheit nicht so richtig vorwerfen”.

 

WendeLese in der Zionskirche am 06. Oktober 2014

Ein bewegtes langes Wochenende liegt hinter uns, gefolgt von einem lauten, bewegten 7. Oktober.
Am Erntedankwochenende bot die Veranstaltungsreihe „Widerstandsräume“ einen kulturell bunten Strauß an remineszenten Aktivitäten in der Zionskirche an.

Vera Rüttimann

Vera Rüttimann; Ausstellung Dirk Zander

Am Freitag eröffnete Dieter Zander seine Ausstellung auf der Empore der Zionskirche. Die Vernissage der

Ausstellung „über allen Gipfeln ist Ruh“ wurde musikalisch vom Evangelischen Jugendmädchenorchester Oslo begleitet.

Am Samstag Abend wurde dann der berühmt-berüchtigten ostdeutschen Punk-Szene gedacht, und die Band HANS AM FELSEN gab eine Kostprobe davon, wie Punk Musik klingen kann.

Am Sonntag dann ging das Erntedankwochenende in die letzte Runde: Schönster Sonnenschein fiel durch die Fenster der Kirche, als wir uns um 12:00 Uhr auf der Empore zur Literaturveranstaltung WendeLESE trafen. Die Bilder und Skulpturen von Dieter Zander gaben der Empore eine besondere Atmosphäre, und vor den Türen warteten Kaffee und Kuchen auf ihre Abnehmer. Erstmals gab es während der Veranstaltung sogar eine Kinderbetreuung, damit Kind und Eltern das Beste des Tages genießen konnten. Außerdem wurde dazu eingeladen, die kircheneigenen Bienenstöcke zu bestaunen, mit Hilfe derer die Zionskirche ihren eigenen leckeren Honig hervorbringt.

Im Zuge der WendeLESE gaben fünf Autoren den Gästen einen Einblick in ihre ganz persönliche Verarbeitung der Geschehnisse während oder nach der Deutschen Teilung. Geistreich moderiert wurden die Lesungen von Franziska Günther, Sachbuchlektorin im Aufbau Verlag. Die Mischung der Autoren hätte nicht bunter sein können:

Zuerst lasen die beiden Schwestern Anna und Susanne Schädlich aus ihrem autobiografisch geprägten Werk „Ein Spaziergang war es nicht“. Susanne Schädlich kennen wir bereits aus dem vergangenen Erzählsalon im Salon von Ekke Maaß, bei welchem sie einige Einblicke in das Buch von ihr und ihrer Schwester gegeben hat. In ihrem Buch porträtieren die Schwestern, inspiriert von ihren eigenen Erlebnissen, die Geschichten von Menschen, die als Kinder oder Jugendliche mit ihren Eltern die DDR verlassen haben. Für viele Kinder war der Umzug in den unbekannten Westen eine traumatische Erfahrung, die viele nur schwer oder nicht gänzlich verarbeitet haben. Susanne und Anna Schädlich geben diesen Schicksalen in „Ein Spaziergang war es nicht“ eine Stimme.

Anschließend stellte Gregor Sander seinen Roman „Was gewesen wäre“ vor. Themen des Buches sind Liebe, Freundschaft und Identität zwischen Ost und West vor und nach dem Mauerfall. Erzählt wird die Geschichte vorwiegend aus der Sicht der Haupt-Protagonistin Astrid, deren Entwicklung den roten Faden des Romans darstellt.

Ein Auszug des Buches gelesen von Gregor Sander hören Sie hier:

Um 15:00 Uhr hören wir gespannt Silke Kettelhake zu, die die Geschichte von „Sonja“ erzählt und aus der von ihr stellvertretend aufgeschriebenen Biografie liest. Nachdem Sonja mit einigen Freunden auf dem Alexanderplatz bei jugendlichen Dummheiten von der Volkspolizei aufgesammelt wird, kommt sie in die geschlossene Abteilung des Jugendwerkhofes Torgau. Hier beginnt ihre lange, beschwerliche Geschichte in der DDR, die sie von der schlechtesten Seite hat kennenlernen müssen.

Hören Sie hier einen Auszug aus dem biografischen Werk, gelesen von der Autorin:

Literarische Abwechslung kommt um 16:30 Uhr mit dem Comic-Autor Flix. Sein „Da war mal was“ ist eine sogenannte „Graphic novel“. In kurzen, stilisierten Bildgeschichten verarbeitet Flix grafisch einige spontane Erinnerungen an die DDR, die ihm Bekannte oder Begegnungen anvertraut haben. Manches davon ist ernst, manches traurig und vieles lustig.

Ein Aszug aus Flix’ Comic-Lesung. Hier seine eigene DDR-Erinnerung:

Die letzte Lesung des Tages erfolgt durch den Spiegel Autor Peter Wensierski. In seinem Buch „Die verbotene Reise“ geht es ebenfalls um ein erlebtes Schicksal, nämlich das von Marie und Jens. Das junge ostdeutsche Paar will raus aus der Enge des Berliner Ostens und schmiedet den Plan, sich bis zur Chinesischen Botschaft in Peking durchzuschlagen. Ein Plan, der ihnen tatsächlich gelingt, jedoch für beide unterschiedliche Konsequenzen hat.

Wie es weiter ging am 6. Oktober erfahren Sie im nächsten Post.

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Erzählsalon 07. September: Bock auf Zoff? Die Umwelt-Bibliothek war mehr als Umwelt

Von außen sieht das ehemalige Pfarrgebäude in der Griebenowstraße 15 wahrscheinlich in etwa genauso aus, wie vor 25 Jahren. Einen Steinwurf von der Zionskirche entfernt lebte dort vor 25 Jahren Pfarrer Hans Simon, der seinen Keller jungen Systemkritikern zur Verfügung stellte, die dort  nach und nach die einschlägig bekannte „Umwelt-Bibliothek“ aufbauten.

Die Umwelt-Bibliothek war, ihrem Namen gemäß, natürlich eine Bibliothek – sie war aber auch noch weit mehr als das. Sie war eine Sammelstelle für unabhängige Zeitungen und Literatur aus dem Westen, sie beherbergte eine Druckmaschine, mit deren Hilfe die Systemkritiker Flugblätter unter dem Titel „Umweltblätter“ druckten und dann verteilten, und sie beherbergte Treffen, Lesungen oder Kunstausstellungen.

Um 19 Uhr treffen wir uns vor der Griebenowstraße 15, gespannt, die Räumlichkeiten in Augenschein zu nehmen, in denen all dies vor 25 Jahren stattgefunden hat. Mit unter den Wartenden sind die Zeitzeugen des anschließenden Erzählsalons Brigitte Gehrke, Hans-Jürgen Röder, Siegbert Schefke und die Moderatorin Stephanie von Hayek. Als wir dann erwartungsvoll die Treppen in den geschichtsreichen Keller stiegen, sahen wir allerdings ein etwas anderes Bild als das, was der heutige Kameramann und Journalist Siegbert Schefke und Co. wohl noch in Erinnerung gehabt haben dürften. Das komplette Gebäude wurde inzwischen aufwendig saniert und auch der muffige Keller von ehemals ist heute einem modernen Bürobereich mit Deckenstrahlern, gekalkten Wänden und spiegelndem Boden gewichen. „Das hier hat mit dem von früher natürlich überhaupt nichts mehr zu tun.“, stellt Schefke sofort fest. „Wie schön, dass es hier drinnen tatsächlich auch nicht stinken kann!“

Dennoch können wir uns nun, mithilfe der Fotos, die wir später sehen werden, ein relativ genaues Bild der ehemaligen Bibliothek machen, um die es in der nun folgenden Gesprächsrunde auf der Empore in der Zionskirche geht.

Hören Sie selbst, wie die Zeitzeugen die Umweltbibliothek von damals beschreiben:
Brigitte Gehrke beschreibt den Keller im Vergleich jetzt und damals:
Hans-Jürgen Röder über die Umweltbiblithek und deren Nutzung:

Siegbert Schefke beim Erzählsalon am 07. September © B.Friemel

Siegbert Schefke, als einziger ehemaliger Ostbürger unter den Podiumsgästen, war 1986 einer der Mitbegründer der Bibliothek. Hans-Jürgen Röder, westdeutscher Berichterstatter für den Evangelischen Pressedienst, und Brigitte Gehrke, private Unterstützerin der Umwelt-Gruppe in Westdeutschland, und Schefke kennen sich alle bereits aus Tagen der Umwelt-Bibliothek.

Schefke gehörte vor der Gründung der Bibliothek in der Griebenowstraße dem Friedrichsfelder Friedenskreis an. Er suchte Kontakt zur Opposition, den er dort auch fand. Letztlich hatten er und einige andere jedoch das Bedürfnis, ein wenig mehr zu tun, als nur innerhalb des Kreises zu agieren. Also baten sie Pfarrer Simon um einen Raum, um dort ein Informationszentrum aufzubauen. Der Pfarrer bot ihnen den einzigen Raum an, den er zur Verfügung hatte – den Keller. „Wir wollten mehr machen, als uns nur um unseren eigenen Quatsch kümmern. Wir wollten ein Informationszentrum aufbauen und ja, auch missionieren.“, so Schefke.
Schefke über sein Wollen und Tun in der UB:

Hans-Jürgen Röder beim Erzählsalon in der Zionskirche © B.Friemel

Um dieses Informationszentrum allerdings zu einem solchen werden zu lassen, brauchten die Oppositionellen jede Menge Hilfe, vor allem die aus dem Westen. Sie brauchten Bücher, Fachliteratur, Zeitungen und Magazine wie den Spiegel, die TAZ und den Stern aus dem Westen, für die Druckmaschine (wo heute gar niemand mehr weiß, woher die eigentlich kam) brauchte man Pelikan-Tinte, Matrizen, Papier und dergleichen. Hans-Jürgen Röder, als West-Korrespondent, gehörte zu den wichtigsten Schmugglern für das heißbegehrte Material. Mit einem großen Aktenkoffer transportiert er wöchentlich „Schmuggelware“ in die Griebenowstraße 15.

Dazu Röder: „Der Austausch zwischen Ost und West war ja rechtlich auch vorgesehen. Als Korrespondent erhielt ich eine kleine Karte, die die Grenzbeamten zur bevorzugten Behandlung anhielt; in ca. 2 Minuten war ich dann in der Regel durch die Grenze. Wir hatten auch Sonderkennzeichen am Auto, da wurde man so gut wie durchgewunken. Der Kofferraum wurde sehr selten mal aufgemacht“.

Röder über die privilegierten Grenzübergänge:
Siegbert Schefke darüber, wie er mit Westkorrespondenten Absprachen zur Übergabe der Schmuggelware hielt:

Auch Brigitte Gehrke unterstützte die Gruppe nach Kräften. Da sie allerdings nicht von einem Korrespondentenstatus profitierte, waren ihre Möglichkeiten begrenzt und sie erhielt später auch in Einreiseverbot in den Osten. „Aber ich konnte ja noch nach Polen und Tschechien. Wir trafen uns dann oft mit den Leuten der UB in Tschechien. Durch die Überwachung wusste man allerdings nie, wer denn dann am Ende tatsächlich alles ankommen würde.“
Zum Nachhören:

Gehrke über die Unterstützergruppe der Umweltbibliothek, die sie im Westen gründeten:

Den von Schefke angesprochenen Missionarauftrag erfüllten die Aktivisten der Umwelt-Bibliothek durch das Verfassen der bereits erwähnten Umweltblätter. In diesen Flugblättern wurden sowohl klassische Umweltthemen diskutiert, in vier von fünf Fällen klärten die unter der Hand verteilten Blätter allerdings über politische und gesellschaftliche Missstände auf. Die Informationen für die Blätter wurde den Systemkritikern in der Griebenowstraße von Informanten zugetragen, welche in der Regel auch die passende Beweise heranschafften. „Man musste sich natürlich auf die Angaben dieser Leute verlassen“, so Schefke, „aber in der Regel hat das schon gestimmt, was uns erzählt wurde. Und die Westpresse hat uns die Blätter aus den Händen gerissen!“. Natürlich waren außerhalb der staatlichen Medien entstandene Schriftstücke immer eine wichtige Informationsquelle für die Medien außerhalb des SED Regimes. Aus einigen Geschichten der Umweltblätter entstanden Leitartikel, die dann im Stern oder im Spiegel veröffentlicht wurden. Schefke über ein Beispiel:

Inwiefern stellte sich die Umwelt-Bibliothek noch als Widerstand dar? Bereits in der Diskussionsrunde mit dem Publikum auf der Zionskirch-Empore fällt der Fokus diesbezüglich noch einmal auf den „Umweltbegriff“. Ein Bekannter der Podiumsgäste im Publikum, der offenbar selbst in die Bibliothek involviert war, stellt klar: „Das Begriff ‘Umwelt’ war natürlich auf eine gewisse Art und Weise auch als Deckmantel oder Schutzmechanismus zu sehen. Eine Umweltgruppe erregt natürlich erst einmal wesentlicher weniger Argwohn als eine von vornherein politische. Aber mit ‘Umwelt’ war damals einiges mehr gemeint als nur grüne Themen. Das umfasste für uns Themen wie Menschenrechte, Freiheit, Lebensbedingungen und so weiter.“

Durch eine Verhaftungsreihe von sieben Umwelt-Bibliothek-Aktivisten im November ’87 kam es dann zu großangelegten Mahnwachen an der Zionskirche, die letztendlich auch die Freilassung der Aktivisten erwirkte. Dies wurde als großer Triumph der oppositionelle Bürgerbewegungen generell wahrgenommen.

Abschließend fragt die Moderatorin Stephanie von Hayek nach einem Abschlusswort. Während sich, wie wir es auch schon in den anderen Erzählsalons gehört haben, die Zeitzeugen alle einig sind, dass sie in den Tagen dersgeteilten Deutschlands unter ihren Mitstreitern gute Gefährten fürs Leben gefunden haben, stellt Schefke noch einmal fest:

„Es waren andere Zeiten. Aber es ist sehr gut, dass sie vorbei sind.“

Zum Abschlussnoch einmal Siegbert Schefke über die Auswirkungen seines Arbeitsverbots:

 

 

„Wegen Überfüllung geschlossen! Flucht und Ausreise im Jahr 1989“

Unter diesem Titel stand der Erzählsalon des 7. Augusts 2014. Dieses Mal trafen wir uns nicht in den ehrwürdigen Gemäuern einer Kirche oder Gemeinde, sondern durften die nicht minder historisch relevanten Räume von Ekkehard Maaß in der Schönfließer Straße 21 bestaunen.

Ekkehard Maaß

Ekkehard Maaß

Vielen der Gäste muss es wie ein Déjà-vu vorgekommen sein – auf Kisten, Bänken und auf dem Boden drängten sich nach 25 Jahren wieder rund 80 Personen in den ehemaligen „literarischen Salon“ des Liedermachers. Nach der Ausbürgerung seines Freunds Wolf Biermann und einem kurzfristig abgesagten Konzerts Ende der achtziger Jahre hatte Ekke Maaß eben dort in der Schönfließer Straße 21 begonnen, einen clandestinen Literatursalon abzuhalten. In den besten Tagen versammelten sich dort wohl bis zu 130 Personen, die in der Wohnung von Maaß und seiner Familie den Denkern und Dichtern der DDR lauschten.
Neben Ekkehard Maaß selbst beantworteten bei unserem Erzählsalon am 7. August der Jurist Dr. Max Dehmel, der Journalist Holger Kulick und die Autorin Susanne Schädlich die Fragen des Moderators Sven Felix Kellerhof und erzählen von ihren Erfahrungen mit Ausreise und Flucht. Bevor die Gäste allerdings von ihren Lebensgeschichten erzählen, eröffnet Ekke Maaß die Runde mit einigen Liedern, begleitet von Gitarre und Harmonium.

Kennst du das Land wo die Zitronen blühen? Gesungen zum Einstieg von Ekkehard Maaß :

Danach wird die Runde eröffnet von den Erzählungen Susanne Schädlichs. Schädlich verließ mit ihrer Familie die DDR, als sie

Susanne Schädlich, Autorin

Susanne Schädlich, Autorin

selbst 12 Jahre alt war. Sie erzählt, wie sie nach anfänglicher Freude über das neue Leben von der Realität eingeholt wurde – sie als Kind des Ostens war ein echter Immigrant auf der anderen Seite der Mauer. Von Sprache über Lieder über Anziehsachen – in den Augen ihrer Mitschüler war sie seltsam und fühlte sich fremd. „Ich erfuhr erst 5 Tage vor der Ausreise davon. Danach wurde ich mit dieser Information komplett allein gelassen. Dabei war Westdeutschland wirklich ein komplett anderes Land.“.
Gleichzeitig zerbrach ihre Familie an der neuen Situation. Ihr engster Vertrauter, ihr Onkel, stellte sich als langjähriger Spitzel der Stasi heraus, der Vater versank in Depressionen, die Eltern trennten sich. Schädlich fühlte sich komplett zerrissen. Erst nach dem Fall der Mauer konnte Schädlich anfangen, ihre „beiden Hälften“ langsam wieder zusammenzuführen und verarbeitete ihre Erlebnisse in einem Buch über die kindliche Perspektive der Ausreise bzw. Flucht ihrer Familien aus dem Osten.”Man musste ja gehen, es gab keine Wahl mehr. Man musste alles zurücklassen und es gab kein Zurück. Das war… wie einen Baum fällen. Ankommen war dann aber trotzdem sehr schwer!“

Susanne Schädlich darüber, wie sie über die Ausreise ihrer Familie erfuhr und wie sie den Umzug erlebte:

Während Susanne Schädlich versuchte, sich im Westen zurechtzufinden, kam Max Dehmel täglich nach Ostberlin eingereist. Er arbeitete in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der Hannoverschen Straße 28. Die „Botschaft“ des Westens mitten in Ostberlin wurden von vielen Ausreisewilligen als Tor in den Westen gewähnt. Dehmel stellt allerdings klar: „Es war schnell klar,

Max Demel, Susanne Schädlich

Max Demel, Susanne Schädlich

dass die Ständige Vertretung keine Hilfe für die DDR-Bürger war.“
Mehrere Male musste die Vertretung geschlossen werden, da sie von etlichen Bürgern einfach besetzt worden war, die ihre Ausreise in den Westen forderten. Eine Forderung, die so von den Vertretern schlicht nicht durchgesetzt werden konnte. Hilfe wurden den Besetzern in Form von Rechtsbetreuung durch den bekannten Rechtsanwalt Vogel versprochen, der ihnen eine Ausreise in absehbarer Zeit versprach und auch tatsächlich ermöglichte. „Rechtsanwalt Vogel hielt sein Versprechen. Alle Leute, die die Vertretung auf dieses Versprechen hin verließen, sind letztlich auch ausgereist.“.

Nicht alle Leute erhielten allerdings die Möglichkeit zur Ausreise oder wurden von der Ostregierung zurAusreise aufgefordert. Holger Kulick erzählt anschließend von den Kategorisierungen der Stasi: „Polarisierende Unruhestifter, die sollten so schnell wie möglich raus. Die Schüchternen, die wurden dann eher in die Mangel genommen beziehungsweise durch Zersetzungsmaßnahmen gestraft. Es gab da ein richtiges Kategorisierungssystem.“. Von den Zersetzungsmaßnahmen berichten auch Holger Kulick und Ekkehard Maaß. Maaß erzählt: „Hier im Salon gab es dann ja auch einen Typen von der Stasi [eher im Nachhinein wurde das erkannt]. Der streute auch immer Informationen à la: Mit dem dort drüben darfst du nicht reden, der ist auf jeden Fall bei der Stasi! Und so. Da hat er auch aktiv zersetzt hier zwischen den Menschen.“.

Kulick über das Stasi-Kategorisierungssystem:

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Holger Kulick beim Erzählsalon am 07. August 2014

Holger Kulick, damals schon als Journalist im Westen tätig, erinnert sich: „Wir bekamen wahnsinnig viele Anfragen, ob wir nicht über eine Fall berichten können von zerrissenen Familien, Repressionen etc., um so die Leute raus zu holen.“. Er erinnert außerdem an den Arbeitskreis Gerechtigkeit: „Das ist eigentlich ein Ding, dass dieser Gruppe nicht mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Dort wurde vielen Menschen Hilfe zur Ausreise gegeben, aber auch Hilfe zum Bleiben. Viele wollten ja gerne bleiben und wurden aber massiv unter Druck gesetzt.“.

 

Wie es beim Erzählsalon üblich ist, schlossen sich auch diesmal an die Erzählungen des Podiums wieder die Fragen und Erzählungen des Publikums an. Es dreht sich vor allem um die Zeit kurz vor dem Öffnen der Grenzen, als die Fluchtbewegungen aus dem Osten ihren Höhepunkt erreichten: „Im Sommer `89 flohen so viele Leute, dass die Sonnenburger Straße komplett leer war. Die ganzen Häuser hier – alle leer. Die Wohnungen noch komplett eingerichtet, mit Essen und allem. Alles leer.“, so Ekke Maaß.

Auch Max Dehmel hatte beobachtet: „Ich war jedes Jahr in der DDR. Es wurde immer schlechter. Jedes Jahr war die Versorgung, die Stimmung, alles schlechter.“. Als dann die Mauer fiel, knallten vielerorts die Korken. Maaß war jedoch sicherlich nicht der Einzige, der folgendes empfand: “ Ich hatte soviel Grenzleid erfahren – mir war nicht nach Korkenknallen.“.

Zum Abschluss des Salons zum Thema „Ausreise oder Bleiben“ bemerkt Susanne Schädlich noch einmal etwas, was während der 1 ½ Stunden des Gesprächs so noch nicht ausgesprochen wurde: „Es wird der Sache gar nicht gerecht, nur über „gehen“ oder „bleiben“ zu diskutieren. Es war schließlich eine Wahl zwischen einem Leben in der Demokratie und einer Diktatur. Das darf man nicht vergessen.“.

Das ehemalige Sprachenkonvikt: „Schule der Revolution“ – Erzählsalon

Das ehemalige Sprachenkonvikt in der Borsigstraße 5 – schon in vergangenen Gesprächsrunden ist uns diese besondere kirchliche Ausbildungsstätte immer wieder begegnet.

Sprachenkonvikt 7.Juli 2014

Dr. Marie Anne Subklew moderierte den Erzählsalon im Sprachenkonvikt
Foto © B. Friemel

Welche Rolle spielte das Sprachenkonvikt in den revolutionären Bewegungen in der DDR und handelte es sich tatsächlich um eine „Schule der Revolution“? Um diese Fragen kreist der von Dr. Marie Anne Subklew moderierte Erzählsalon am 7. Juli 2014.

Dr. Reinhard Kees, ehemaliger Absolvent und später in leitender Funktion am Konvikt, stellt klar: „Wir waren wohl eher eine Schule der Demokratie!“. Die anderen Zeitzeugen des aktuellen Erzählsalons, zu denen außer Kees noch Dr. Wolf Krötke und Vera Lengsfeld gehören, stimmen zu, dass eine aktive Heranführung an revolutionäre Gedanken jedenfalls nicht Ziel des Konviktes war. Krötke, der ehemalige Leiter der Schule, meint: „Revolution war bei uns ja nie das Ziel, sondern ein freies Theologiestudium mit offenem Geist.“. Dass das eine eventuell allerdings das andere bedingt, scheint wiederum genauso unstrittig.

Reinhard Kees, Schule der Demokratie:

Wolfgang Krötke über das Ausbildungsziel des Konvikts:

 

Sprachenkonvikt 7.Juli 2014

Vera Lengsfeld und Wolfgang Krötke beim Erzählsalon am 7. Juli 2014
Foto © B. Friemel

Vera Lengsfeld, ehemalige Studentin am Konvikt und aktive Revolutionärin zu Zeiten des SED-Regimes, lobt an diesem Abend nicht nur einmal die offenen, kritischen Gespräche zwischen allen am Konvikt Anwesenden – Lehrern und Schülern gleichermaßen. „Das Konvikt bot vielen späteren Revolutionären Obdach“, stellt sie fest, „Hier habe ich in sicherem Rahmen einige Mitstreiter gefunden.“. Die flach-hierarchischen Strukturen und die demokratische Struktur innerhalb der Wände der theologischen Ausbildungsstätte standen im für alle fühlbaren Widerstand zur Realität außerhalb der schützenden Mauern des Konviktes.

Lengsfeld:

Natürlich entging auch den Führern der sozialistischen Diktatur nicht, dass auffällig viele Oppositionelle in Verbindung mit dem Konvikt standen. Krötke dazu: „Wir hatten große Angst, dass das Konvikt geschlossen wird.“. Dass es nie geschlossen wurde, erklärt sich der ehemalige Dekan wie folgt: „Das haben die schlicht und einfach verpennt. Das ging ja alles relativ schnell, dass das Konvikt über die Grenzen hinaus sehr bekannt geworden ist. Da wäre eine Schließung im Ausland gar nicht gut angekommen. Da haben sie wohl aus ‘mangelnder sozialistischer Wachsamkeit’ den Zeitpunkt verpasst.“.

Lengsfeld über den Anspruch Honeckers, auch im Westen legitim zu wirken:

Die Tradition des Diskurses, den sich Vera Lengsfeld immer wieder auch mehr in die heutige Zeit wünscht, wird auch an diesem Abend in den geschichtsträchtigen Mauern fortgeführt. Die heutige Politikerin exmatrikulierte sich auf Grund einer Westreise vom Konvikt und absolvierte im Anschluss ein Auslandssemester in Cambridge. Als sie, kurz vor dem Tag, an dem die Mauer fallen sollte, die Wiederaufnahme ihres Studiums in der Borsigstraße anstrebte, werden ihr Steine in den Weg gelegt. Während Lengsfeld überzeugt ist, dass politischer Druck auf das Konvikt ausgeübt worden ist, sie nicht wieder zu immatrikulieren, wehrt sich der ehemalige Studienleiter Krötke entschieden gegen diesen Vorwurf. Alle Lehrkörper unterschrieben bei dem Antritt am Konvikt eine Erklärung, nicht mit der Staatssicherheit in Kontakt zu treten. Kees pflichtet bei, dass es nie Gespräche über solcherlei Entscheidungen mit der Stasi gegebenen habe und auch keine Entscheidungen über Studenten mit Hinblick auf deren politisches Tun getroffen wurden.

alle Fotos © B. Friemel

Krötke über das Verhältnis der Mitarbeiter zur Staatssicherheit:

Dennoch: „Es gab schon viele Studenten, die das Konvikt zum Beispiel als Trittbrett in den Westen gesehen haben. Das wollten wir natürlich auch nicht. Wichtig war die Motivation der Leute, schließlich wurden hier letztlich Theologen und Theologinnen für die Kirche ausgebildet.“, erinnert sich Kees.

Auf die Frage, welches die Podiumsgäste als das Erbe des Konviktes empfinden, hat jeder Gast eine ganz eigene emotionale Erinnerung, die vermutlich den Geist des Hauses in der Borsigstraße 5 am besten vermittelt.

Krötke gedenkt vor allem der „Freiheit der Theologie und des gesellschaftlichen Engagements“. Für Vera Lengsfeld ist das wertvollste Erbe „der Geist, der im Konvikt herrschte und das Niveau der gesellschaftlichen Debatte“ und Reinhard Kees freut sich nach wie vor über „ein unwahrscheinliches Netzwerk“ aus Zeiten hier am Konvikt. „Es gab eine ganz eigene familiäre Stimmung. Naja, schließlich hat man ja ein Stück gemeinsamer Geschichte hier erlebt.“.

Reinhard Kees über den “Studentenstatus” der theologischen Studenten:

 

Erzählsalon „Wahlproteste: Die Demokratie wird zu Grabe getragen“ vom 07. Juli

Erzählsalon 07. Juni

Nicola Hochkeppel eröffnet den Erzählsalon

Am 07. Juni 2014 fanden sich, trotz großer Hitze, interessierte Gäste des Erzählsalons und ehemalige oppositionelle Aktivisten in den kühlen Räumen der Berliner Sophienkirche ein. Vor genau 25 Jahren wurde dort die Wut der DDR-Bürger über den offensichtlichen Wahlbetrug des korrupten Regimes in Form eines organisierten Protestes in die Öffentlichkeit getragen. Das Volk demaskierte die Macht auf dem Gipfel aller Lügen. Unter dem Motto „Wahlproteste: Die Demokratie wird zu Grabe getragen“ leitete die Diplom-Sozialwissenschaftlerin Sophia Bickhardt die Gesprächsrunde zwischen Martin Michael Passauer, evangelischer Theologe und damaliger Pfarrer in der Sophiengemeinde, Stephan Neuss und Evelyn Zupke, beide Mitglied des Weißenseer Friedenskreises, und dem Publikum.

Als erstes richtet sich das Wort an Stefan Neuss - er erinnert sich an den 07. Mai 1989, der Tag an dem der Betrug bei den Kommunalwahlen festgestellt wurde. Neuss war damals 24 Jahre alt und Mitglied des Weißenseer Friedenskreises. Die oppositionelle Gruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, gegen die maroden Verhältnisse des Systems aufzubegehren und endlich „rauszugehen“. Das Tian’anmen-Massaker, das drei Tage zuvor am 4. Juni 1989 am Platz des Himmlischen Friedens 2600 chinesischen Protestanten das Leben kostete, bestärkte Neuss und seine Mitstreiter in ihrer Wut und Frustration. Für Stefan Neuss war das Fass nun endgültig übergelaufen und er engagierte sich aktiv an den Protesten, forderte freie demokratische Wahlen, verfasste Briefe, hielt Fürbitten und ignorierte die sorgenvollen Stimmen, die ihn warnten: „Macht euch nicht zu Kanonenfutter“. Vor der möglichen Strafe in Form einer Ausweisung, hatte er keine Angst. Für ihn war die Demonstration der letzte Ausweg zur finalen Überwindung von langjähriger Angst, Starre und der letztendlichen der Flucht in, wie er sie nennt, Parallelwelten.

Der 68iger Marsch durch die Institutionen diente als Inspiration für Martin Michael Passauers politisches Engagement, erzählt er. Innerhalb der Gemeinden habe man sich sehr gut mobilisieren können, da man sich untereinander kannte und es somit zu einer offenen Arbeit kam. Zwischen den Berliner Kirchen (Samariter-, Gethsemane und der Kirche in Pankow) kam es 1989 zu einer stillen Absprache. Die Sophienkirche galt als Anlaufstelle für DDR-Bürger mit Ausreiseanträgen und bot somit Schutzraum und Diskussionsraum gleichermaßen. Passauer spricht von vielen verschiedenen Gruppen von Menschen, u.a. auch von Kindern, die zu dieser Zeit Zuflucht in der evangelischen Kirche suchten. Am 7. Juli 1989 war der Bereich um das Konsistorium in der Neuen Grünstraße weitlüufig abgesperrt, da die Sicherheitsorgane der Staatsmacht mit allen Mitteln eine Demonstration verhindern wollten. Der Protest verlagerte sich in die Sophienkirche. Passauer selbst sagt, er sei kein Barrikadenkämpfer gewesen, er habe in der Andacht von 18:00 Uhr versucht, zu beruhigen und die aufgebrachten Menschen zur Vernunft zu rufen. Doch auf ihn wurde nicht gehört: „Hör auf zu quatschen, wir wollen demonstrieren“ rief man ihm in die Kanzel zu. Gerührt erzählt er vom Läuten der Kirchenglocken, ein Zeichen der Hilflosigkeit und die höchste Alarmstufe. In Passauer wurden dadurch dunkle Assoziationen wachgerufen, denn es erinnerte ihn an das letzte Mal an dem diese Glocken Alarm schlugen: Im Dritten Reich.

Evelyn Zupke stand am Tag der Demonstration unter Hausarrest. Sie selbst hatte keinen kirchlichen oder oppositionellen Hintergrund als sie dem Weissenseer Friedenskreis beitrat, sondern lediglich „die Nase voll von der Scheinheiligkeit und der Gängelung des Staatsapparates“. Ende 1988 sei der Wahlbetrug in aller Munde gewesen und sie sah es als ihre Aufgabe, den Beweis dafür zu erbringen.

Mit Boykottaufrufen, Flugblättern und Sitzblockaden wollte man den Staat zwingen den Wahlbetrug einzugestehen. Zupke fordert, das Augenmerk nicht nur auf die Proteste von 1989 zulegen, denn die Protestbewegungen anderer Gruppen und auch anderer Jahrzehnte (50iger und 60iger Jahre) seien unterrepräsentiert. Sie kritisiert die bloße Fixierung auf Gedenktage und die allgemeine Legendenbildung um dieses Zeit.

Im zweiten Drittel der Diskussion wird die Frage nach der gesellschaftlichen und auch politischen Verantwortung der Kirche und deren Schwachstellen diesbezüglich aufgeworfen. Wie weltlich kann Kirche sein und inwieweit muss sie Position beziehen. Passauer diagnostiziert der Kirche einen Mangel an Konfrontation und spricht von typischen Verzögerungs- und Beschwichtigungstaktiken als den sogenannten „Stolpismus“.

In der Abschlussdiskussion kommt das Publikum zu Wort, das zum großen Teil aus ehemalige Akteuren der Oppositionsbewegungen und Mitarbeitern der Sophienkirche bestand. In den folgenden persönlichen Erfahrungsberichten wird erneut deutlich, wie Anspannung und Ungewissheit die Atmosphäre in diesen Tagen dominierte.

 

Auftakt Erzählsalon. Erstes Thema: Wahlbetrug 7. Mai 1989

Nachdem wir uns in den letzten Wochen in der Zionskirche über Kaffee und Kuchen getroffen haben, fand der erste abendliche Erzählsalon in der geschichtsträchtigen Villa Elisabeth in der Invalidenstraße nun über einem Glas Wein statt. Das Datum war keinesfalls zufällig gewählt. Am 7. Mai diesen Jahres jährt sich zum 25. Mal der Tag, der einen massiven Einfluss auf den letztendlichen Sturz der Mauer, und damit der DDR, hatte. An diesem Tag fanden 1989 die Kommunalwahlen statt und es gelang den Regimekritikern, der SED Regierung einen eindeutigen Wahlbetrug nachzuweisen. Dieser Betrug war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und war der Auslöser für massive Demonstrationen gegen das Regime, die es letztendlich zum Sturz gebracht haben.

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Die Pankower Pfarrerin Ruth Misselwitz und Ulrike Höppner reden über den 7. Mai 1989, Foto B. Friemel

Unter dem Titel: „Jede Stimme zählt anders. Wie war das mit dem Wahlbetrug vom 7. Mai?“ trafen sich am Mittwoch einige Zeitzeugen dieser bewegten Zeit in den Räumen der ehemaligen Kirche von Unten (KvU). Zum Gespräch trafen sich Silke Ahrens, eine der Gründungsmitglieder der KvU, die Pankower Pfarrerin Ruth Misselwitz, Stefan Müller, Sozialpädagoge und damals aktiver Demonstrant gegen den Wahlbetrug 1989 und Christoph Pöhlmann, Mitglied des Friedenskreises Pankow. Moderiert wurde die Runde von der Politikwissenschaftlerin Ulrike Höppner.

Die Runde beginnt mit den Erzählungen der Anwesenden darüber, wie sie den 7. Mai 1989 selbst erlebt haben. Wo waren sie? Was haben sie getan? Wie ging es dann weiter?
Schon seit langer Zeit vermuteten viele, dass die Wahlergebnisse durch die SED gefälscht wurden. Im Jahr 1989 organisierten sich die Kritiker erstmals flächendeckend: Laut DDR-Recht war die Anwesenheit durch Bürger bei der Wahlauszählung gestattet. Ganz legal wurden in diversen Wahlkreisen Beobachtergruppen gebildet und die Auszählung überwacht bzw. die Ergebnisse aufgezeichnet. Das Ergebnis dessen ist heute bekannt: Die veröffentlichten Ergebnisse können gar nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen!
Pfarrerin Misselwitz erinnert sich: “Wir waren seit Anfang des Jahres mit diesen Wahlen beschäftigt. Schon im April hatten wir eine Liste von Forderungen an die Wahl gestellt. Danach saßen wir dann bei uns zu Hause. Wir hatten einen der ersten Apple PCs zu Hause und dort saßen dann mein Mann und Christoph Pöhlmann und haben dort akribisch die Zahlen abgetippt.”

Silke Ahrens darüber, wie die Wahlbeobachter die Auszählung am 7. Mai in den Wahllokalen erlebten:

 

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Stefan Müller war aktiv bei den Wahlauszählungen am 07. Mai und den darauf folgenden Protestaktionen dabei, Foto B. Friemel

Stefan Müller und Silke Ahrens verbrachten den Abend nach der Wahl ’89 sogar am gleichen Ort, an dem wir uns zum Erzählsalon zusammengefunden haben. Müller: “Da drüben hing der Fernseher. Ich weiß noch, als die Ergebnisse verkündet wurden, da hab ich mit meinem Kumpel angestoßen und wir haben laut gelacht. [...] Die Wahl war einfach ein gutes Bild für die Farce der Gesamtheit der DDR. Aber wir wollten eben nicht ‘rüber’, sondern wir wollten hier was verändern.”

 

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Auch Christoph Pöhlmann stimmt zu, dass er und seine Freunde trotz der Gefahren, der sie sich durch den Protest aussetzten, einfach nicht weichen wollten: “Weggehen, das wollten wir nicht. Sozusagen nach dem Motto: Wir gehen nicht freiwillig!”
Dieses “Verändern” hatten sich alle Freunde der Kirche von Unten auf die Fahne geschrieben. Dazu Ahrens: “Wir waren ein Sammelbecken verschiedenster subkultureller Gruppen aus Berlin und außerhalb. Wir hatten eine Initiative für Frieden und Menschenrechte, Schwulen- und Lesbengruppen, natürlich die Umweltbibliothek…” All diese Gruppen hatten gemein, dass sie sich den Mund nicht mehr länger verbieten lassen wollten.

Stefan Müller zur Bedeutung der Wahl:

Der 7. Tag eines jeden Monats wurde zum Stichtag für subversive Aktionen. So wurde am 7. Juni symbolisch eine Wahlurne zu Grabe getragen. Im nächsten Monat wurde sich an einem anderen Ort versammelt. Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, wurden gefälschte Deutsche-Mark-Scheine gedruckt, die den Titel “40 Quark” trugen und so ging es weiter. Je mehr der Widerstand wuchs, desto strikter ging auch die Staatssicherheit gegen die Querulanten vor. Doch die Einschüchterungstaktiken trugen weniger Früchte als früher. Ruth Misselwitz erinnert sich: “Innerhalb der Kirche und der Bevölkerung gab es eine Stimmung von Aufbruch! Die Leute drängten aus dem Kirchengebäude raus auf die Straße. Innerhalb der Kirche hatte es ja die ganze Zeit eine gewisse Toleranz für Proteste gegeben, aber nach dem 7. Mai gingen die Leute raus!”.

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Christoph Pöhlmann beim Erzählsalon am 07. Mai, Foto B. Friemel

Nach den sehr emotionalen persönlichen Geschichten der Gäste zu ihren Erlebnissen, ergriff, wie schon von den Erzählcafés gewohnt, das Publikum das Wort. Viele der anwesenden Gäste trugen ihre eigenen Erfahrungen bei. Es wurde über Angst und Courage, über das Miteinander damals und heute und über die unterschiedlichen Möglichkeiten von Widerstand gesprochen.

Am Ende richtete sich der Blick dann auf das Heute. Silke Ahrens findet ein eher nachdenklich stimmendes Schlusswort: “Eigentlich ist die Situation heute gar nicht so anders als damals… Damals haben wir zwei Jahre gesucht, bis wir für unsere Kirche ein Zuhause gefunden hatten. Jetzt hat die KvU seit Januar wieder kein Dach mehr, weil in diesem Bezirk kein Platz für Jugendarbeit mehr ist. Wir stehen also wieder da wie vor fast dreißig Jahren. Ich würde mir wünschen, dass es heute wieder mehr Energie und Kraft für diese Art Kampf gibt.”.
Auch Pohlmanns abschließende Worte an diese Runde sind nachdenklich: “Heute ist alles so viel komplizierter als damals. Mit all den Medien ist es viel schwieriger, die Situation wirklich zu durchblicken. Der eigene Verstand muss viel mehr gebraucht werden. Hoffentlich schafft das diese Generation!”.

 

Im Osten was Neues

Der Auftakt des Erzählcafés am 4. Mai "Im Osten was Neues"

Der Auftakt des Erzählcafés am 4. Mai “Im Osten was Neues”

Am letzten Sonntag, dem 4. Mai, war es besonders voll um die Kaffeetische auf der Empore der Zionskirche. Das vierte und letzte Erzählcafé richtete aus aktuellem Anlass den Blick etwas weiter nach Osten, nämlich nach Russland und in die Ukraine. Die Medien sind voll mit Berichterstattungen von den Protestbewegungen in der Ukraine, von Konflikten der Ukraine mit Russland, von Machtkämpfen, Opposition und auch Gewalt. All dies wurde ursprünglich im November 2013 ausgelöst, als die Ukrainische Regierung überraschen ankündigte, ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union 2013 nicht zu unterzeichnen. Proteste der Bevölkerung gegen diese Entscheidung wurden mit Hilfe von Staatsgewalt flach gehalten – und die Proteste entwickelten sich zu einer bis heute andauernden Protestbewegung.

Vor dem Hintergrund unserer eigenen, deutschen Geschichte will das Themenjahr „Hier stehe ich“ und „Widerstandsräume: 25 Jahre Friedliche Revolution“ die aktuellen Konflikte, die sich durchaus ebenso unter die Überschrift Ost-West Konflikte stellen lassen, nicht unbeachtet lassen. Um von ihren Erfahrungen und Einschätzungen zu erzählen, trafen sich am letzten Sonntag die ukrainische Fotografin Yevgenia Belorusets, der Mitbegründer von „Demokratie Jetzt“ Stephan Bickhardt, Dr. Mischa Gabowitsch, russischer Soziologe und Autor von „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“, und der Bürgerrechtler Reinhard Weißhuhn, der eng mit der ungarischen Opposition zu DDR Zeiten verflochten war und z.B. deren Texte übersetzte. Moderiert wurde das Café

Erzählcafé 4.Mai 2014

Yevgenia Beloruset, Dr. Mischa Gabowitsch und Reinhard Weißhuhn auf der Erzähl-Bühne am 4. Mai

von Pfarrer Thomas Jeutner.

Das erste große Thema, das die Podiumsgäste in Zusammenhang mit dem Maiden aufgriffen, war das Thema der medialen Berichterstattung.  Yevgenia Belorusets, die eine Fotoreihe über den Euromaidan veröffentlicht hat, berichtet von den Schwierigkeiten, staatliche Propaganda von echten Nachrichten zu unterscheiden. “Durch die Medieninterpretationen entstehen viele ‘Realitäten’. Vor allem durch dokumentarisch wirkende Fotografie wirkt alles immer sehr glaubhaft. Aber man muss sehr genau aufpassen, wem man glauben will und wem man in der Berichterstattung vertrauen will”. Sie fragt sich: “Wie ist es möglich, dass in einem Zeitalter, wo jeder eine Kamera im Handy hat, jeder Internet hat, mitunter große Fälschungen der Tatsachen möglich sind?” Und zieht das Fazit: “Die Aufgabe ist es, kritisch zu sein! Nicht in Fallen zu tappen! Das ist die Aufgabe für jeden Einzelnen, aber auch für Europa, für die Ukraine und für Russland!”

Hier nocheinmal Yevgenias Aufforderung zum Nachhören:

Mischa Gabowitsch spezifiziert: Kritisch sein heißt auch, Aufmerksam und kritisch Informationen zu sammeln: IM Falle der Ukraine heißt das zum Beispiel:

Reinhard Weißhuhn beim Erzählcafé am 4. Mai 2014

Reinhard Weißhuhn beim Erzählcafé am 4. Mai 2014

Reinhard Weißhuhn zieht den Bogen zur DDR und bemerkt, dass Kritiker in der DDR  die von der SED kontrollierten Nachrichten in der Regel für reine Propagandawerkzeuge hielten. Daher war man geneigt, alles außerhalb der eigenen Mauerseite für wahrer zu halten und gierte nach Informationen aus dem Westen. Heute, wo die Medienlandschaft komplexer und oft scheinbar freier aufgebaut ist, ist es eine größere Herausforderung an den Einzelnen, sich Informationen zu beschaffen und diese kritisch zu beleuchten: “die eigene Bewertung der Informationen ist letztlich Maßgeblich für das eigene Bild, das man sich von einer Situation macht”


Neben den Medien, die über den ganzen Zeitraum des Gesprächs eine große Rolle spielen, kristallisieren sich noch zwei weitere Kernthemen heraus, die bei den Revolutionen im Osten seit der DDR eine Rolle gespielt haben, bzw. sie heute noch spielen: Die von Stephan Bickhardt so betitelte “Selbstermächtigung des Menschen” um die frei werdende Energie während einer Protestwelle in geordnete, bleibende Strukturen zu überführen und der Abschied vom Marxismus, einhergehend mit der drohenden Gefahr ins Rechte politische Lager abzurutschen.

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Yevgenia Belorusets spricht über die Maidan Proteste in der Ukraine

Yevgenia über die Entwicklungen, die aus den Protesten des Maidans hervorgegangen sind:
“Maidan hat nie ein eigenes Protestprogramm geschaffen, keine Systemverändernden und menschrechtlichen Forderungen gestellt. Die Bewegung ist somit eine einzige, große Projektionsfläche. Für Russland, die der Bewegung faschistische Motivation unterstellt, oder für Europa, die den Ruf nach Freiheit in die Bewegung interpretieren. Wir müssen in der Ukraine Plattformen schaffen, die die Bewegung in eine stabile Struktur und in echte Forderungen überführen können! 
Bickhardt stimmte diesen Forderungen zu und ergänzte, dass die “selbstermächtigte Zivilgesellschaft” gemeinsam mit einer modernen Kirche eine starke Partnerschaft zu diesem Zwecke eingehen könnte.

Vor allem während der Diskussion mit dem Publikum werden dann Beiträge laut, die die Besorgnis äußern, dass die Abkehr vom Marxismus zu einer Hinwendung zum Nationalismus bzw. Faschismus in den ehemals sowjetisch geführten Ländern geführt hätte. Mischa Gabowitsch erwidert darauf, dass die durch deutsche Geschichte geprägten Begriffe nur mit Vorsicht auf andere Länder und andere Zeiten anzuwenden sind. Hinter der Fassade des rechten Flügels in der Ukraine verberge sich eine gänzlich andere Idee oder Ideologie wie hierzulande bei den Nationalsozialisten üblich sei. “Die national ausgerichtete Partei in der Ukraine wurde zum Beispiel als Protest gegen die anderen Möglichkeiten gewählt. Das heißt nicht, dass deswegen 10% der Bevölkerung Nationalisten sind”
Und wieder betont er einen der Wahlsprüche dieses Erzählcafés: “Wer verstehen will, was jetzt dort im Osten passiert, der muss sich von seinen eigenen, normativen Begrifflichkeiten entfernen!”