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Unsere Ballonpaten auf der Bernauer Straße

9. November 2014 – Lichtergrenze zum 25. Jahrestag der Maueröffnung

9. November 2014. Und wiederum treffen sich Freunde und Mitglieder der Ev. Gemeinde am Weinberg, Zeitzeugen und weitere Interessierte im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Widerstandsräume. Hier stehe Ich“ zum Gedenkfinale. Heute vor 25 Jahren ernteten die Bemühungen der Gegner des totalitaristischen Regimes der DDR endlich Früchte. Nach 28 Jahren der faktischen Teilung Deutschlands durch eine dichte, graue, feindselige Mauer ist diese dank der friedlichen Revolution ihrer Gegner endlich geöffnet worden!

Um diesem historischen Tag zu gedenken, initiiert die gemeinnützige Landesgesellschaft Kulturprojekte Berlin GmbH zum 25. Jahrestag der Maueröffnung das Projekt „Lichtgrenze“: 6.900 weiße, beleuchtete Ballons säumen den ehemaligen Verlauf der Mauer von der Bösebrücke in Berlin Pankow, an der die Öffnung der Mauer vor 25 Jahren ihren Anfang nahm, bis hin zur Oberbaumbrücke im Berliner Stadtteil Kreuzberg.

Ganz in der Nähe der Zionskirche, auf der Bernauer Straße zwischen Strelitzer Straße und Brunnenstraße, stehen wir und feiern mit den 25 Ballonpaten aus der Gemeinde am Weinberg und deren Freunden den Fall der Mauer mit. Sogar das kanadische und mexikanische Fernsehen filmen uns dabei, wie wir mit unseren Lebensgeschichten und Glühwein, Punsch und Sekt den Fall der Mauer feiern. Lautstark gedenken wir gemeinsam mit hunderten anderen Anwesenden auf dem alten Mauerstreifen der Geschehnisse vor und nach dem Mauerfall. Freuen uns, dass Freunde aus dem Prenzlauer Berg und aus Charlottenburg oder aus Leipzig und Aschaffenburg heute zusammen feiern können. Fast symbolisch kommt es einem vor, wie ringsherum Kinder über die lange Reihe von Stahlstelen, die als Mahnmal entlang der ehemaligen Mauer entlang der Bernauer Straße errichtet worden sind, klettern.

Auf einem Balkon im Hintergrund haben die Bewohner die Lautsprecher auf die Straße gerichtet – Kurz vor 19 Uhr schallt dann das Lied „Wind of change“ der Scorpions zu uns herunter. Gleichzeitig hören die Ballonpaten über ihre kleinen Radiotransmitter Beethoven’s „Ode an die Freude“. Das Startsignal für die ersten Ballonpaten an der Bösebrücke, ihren Ballon steigen zu lassen.

Fast kurz vor acht, ist es, als endlich wir an der Reihe sind, unsere Ballons steigen zu lassen. Die Hebel, die den Schließmechanismus der mit Helium gefüllen und beleuchteten Ballons öffnen, werden unter reger Anteilnahme und starkem Applaus umgelegt. Einige Feuerwerke gehen hoch und dann „fällen“ wir unser Stück der Mauer – 2014 zum Glück nur die aus hellen Lichter-Ballons.

Einige Impressionen vom Sonntag und unseren Ballonpaten:

Hier geht’s zum Beitrag von Radio Canada: http://ici.radio-canada.ca/nouvelles/international/2014/11/09/005-mur-berlin-25-ans-commemorations.shtml?isAutoPlay=1

Das ehemalige Sprachenkonvikt: „Schule der Revolution“ – Erzählsalon

Das ehemalige Sprachenkonvikt in der Borsigstraße 5 – schon in vergangenen Gesprächsrunden ist uns diese besondere kirchliche Ausbildungsstätte immer wieder begegnet.

Sprachenkonvikt 7.Juli 2014

Dr. Marie Anne Subklew moderierte den Erzählsalon im Sprachenkonvikt
Foto © B. Friemel

Welche Rolle spielte das Sprachenkonvikt in den revolutionären Bewegungen in der DDR und handelte es sich tatsächlich um eine „Schule der Revolution“? Um diese Fragen kreist der von Dr. Marie Anne Subklew moderierte Erzählsalon am 7. Juli 2014.

Dr. Reinhard Kees, ehemaliger Absolvent und später in leitender Funktion am Konvikt, stellt klar: „Wir waren wohl eher eine Schule der Demokratie!“. Die anderen Zeitzeugen des aktuellen Erzählsalons, zu denen außer Kees noch Dr. Wolf Krötke und Vera Lengsfeld gehören, stimmen zu, dass eine aktive Heranführung an revolutionäre Gedanken jedenfalls nicht Ziel des Konviktes war. Krötke, der ehemalige Leiter der Schule, meint: „Revolution war bei uns ja nie das Ziel, sondern ein freies Theologiestudium mit offenem Geist.“. Dass das eine eventuell allerdings das andere bedingt, scheint wiederum genauso unstrittig.

Reinhard Kees, Schule der Demokratie:

Wolfgang Krötke über das Ausbildungsziel des Konvikts:

 

Sprachenkonvikt 7.Juli 2014

Vera Lengsfeld und Wolfgang Krötke beim Erzählsalon am 7. Juli 2014
Foto © B. Friemel

Vera Lengsfeld, ehemalige Studentin am Konvikt und aktive Revolutionärin zu Zeiten des SED-Regimes, lobt an diesem Abend nicht nur einmal die offenen, kritischen Gespräche zwischen allen am Konvikt Anwesenden – Lehrern und Schülern gleichermaßen. „Das Konvikt bot vielen späteren Revolutionären Obdach“, stellt sie fest, „Hier habe ich in sicherem Rahmen einige Mitstreiter gefunden.“. Die flach-hierarchischen Strukturen und die demokratische Struktur innerhalb der Wände der theologischen Ausbildungsstätte standen im für alle fühlbaren Widerstand zur Realität außerhalb der schützenden Mauern des Konviktes.

Lengsfeld:

Natürlich entging auch den Führern der sozialistischen Diktatur nicht, dass auffällig viele Oppositionelle in Verbindung mit dem Konvikt standen. Krötke dazu: „Wir hatten große Angst, dass das Konvikt geschlossen wird.“. Dass es nie geschlossen wurde, erklärt sich der ehemalige Dekan wie folgt: „Das haben die schlicht und einfach verpennt. Das ging ja alles relativ schnell, dass das Konvikt über die Grenzen hinaus sehr bekannt geworden ist. Da wäre eine Schließung im Ausland gar nicht gut angekommen. Da haben sie wohl aus ‘mangelnder sozialistischer Wachsamkeit’ den Zeitpunkt verpasst.“.

Lengsfeld über den Anspruch Honeckers, auch im Westen legitim zu wirken:

Die Tradition des Diskurses, den sich Vera Lengsfeld immer wieder auch mehr in die heutige Zeit wünscht, wird auch an diesem Abend in den geschichtsträchtigen Mauern fortgeführt. Die heutige Politikerin exmatrikulierte sich auf Grund einer Westreise vom Konvikt und absolvierte im Anschluss ein Auslandssemester in Cambridge. Als sie, kurz vor dem Tag, an dem die Mauer fallen sollte, die Wiederaufnahme ihres Studiums in der Borsigstraße anstrebte, werden ihr Steine in den Weg gelegt. Während Lengsfeld überzeugt ist, dass politischer Druck auf das Konvikt ausgeübt worden ist, sie nicht wieder zu immatrikulieren, wehrt sich der ehemalige Studienleiter Krötke entschieden gegen diesen Vorwurf. Alle Lehrkörper unterschrieben bei dem Antritt am Konvikt eine Erklärung, nicht mit der Staatssicherheit in Kontakt zu treten. Kees pflichtet bei, dass es nie Gespräche über solcherlei Entscheidungen mit der Stasi gegebenen habe und auch keine Entscheidungen über Studenten mit Hinblick auf deren politisches Tun getroffen wurden.

alle Fotos © B. Friemel

Krötke über das Verhältnis der Mitarbeiter zur Staatssicherheit:

Dennoch: „Es gab schon viele Studenten, die das Konvikt zum Beispiel als Trittbrett in den Westen gesehen haben. Das wollten wir natürlich auch nicht. Wichtig war die Motivation der Leute, schließlich wurden hier letztlich Theologen und Theologinnen für die Kirche ausgebildet.“, erinnert sich Kees.

Auf die Frage, welches die Podiumsgäste als das Erbe des Konviktes empfinden, hat jeder Gast eine ganz eigene emotionale Erinnerung, die vermutlich den Geist des Hauses in der Borsigstraße 5 am besten vermittelt.

Krötke gedenkt vor allem der „Freiheit der Theologie und des gesellschaftlichen Engagements“. Für Vera Lengsfeld ist das wertvollste Erbe „der Geist, der im Konvikt herrschte und das Niveau der gesellschaftlichen Debatte“ und Reinhard Kees freut sich nach wie vor über „ein unwahrscheinliches Netzwerk“ aus Zeiten hier am Konvikt. „Es gab eine ganz eigene familiäre Stimmung. Naja, schließlich hat man ja ein Stück gemeinsamer Geschichte hier erlebt.“.

Reinhard Kees über den “Studentenstatus” der theologischen Studenten: