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„Wegen Überfüllung geschlossen! Flucht und Ausreise im Jahr 1989“

Unter diesem Titel stand der Erzählsalon des 7. Augusts 2014. Dieses Mal trafen wir uns nicht in den ehrwürdigen Gemäuern einer Kirche oder Gemeinde, sondern durften die nicht minder historisch relevanten Räume von Ekkehard Maaß in der Schönfließer Straße 21 bestaunen.

Ekkehard Maaß

Ekkehard Maaß

Vielen der Gäste muss es wie ein Déjà-vu vorgekommen sein – auf Kisten, Bänken und auf dem Boden drängten sich nach 25 Jahren wieder rund 80 Personen in den ehemaligen „literarischen Salon“ des Liedermachers. Nach der Ausbürgerung seines Freunds Wolf Biermann und einem kurzfristig abgesagten Konzerts Ende der achtziger Jahre hatte Ekke Maaß eben dort in der Schönfließer Straße 21 begonnen, einen clandestinen Literatursalon abzuhalten. In den besten Tagen versammelten sich dort wohl bis zu 130 Personen, die in der Wohnung von Maaß und seiner Familie den Denkern und Dichtern der DDR lauschten.
Neben Ekkehard Maaß selbst beantworteten bei unserem Erzählsalon am 7. August der Jurist Dr. Max Dehmel, der Journalist Holger Kulick und die Autorin Susanne Schädlich die Fragen des Moderators Sven Felix Kellerhof und erzählen von ihren Erfahrungen mit Ausreise und Flucht. Bevor die Gäste allerdings von ihren Lebensgeschichten erzählen, eröffnet Ekke Maaß die Runde mit einigen Liedern, begleitet von Gitarre und Harmonium.

Kennst du das Land wo die Zitronen blühen? Gesungen zum Einstieg von Ekkehard Maaß :

Danach wird die Runde eröffnet von den Erzählungen Susanne Schädlichs. Schädlich verließ mit ihrer Familie die DDR, als sie

Susanne Schädlich, Autorin

Susanne Schädlich, Autorin

selbst 12 Jahre alt war. Sie erzählt, wie sie nach anfänglicher Freude über das neue Leben von der Realität eingeholt wurde – sie als Kind des Ostens war ein echter Immigrant auf der anderen Seite der Mauer. Von Sprache über Lieder über Anziehsachen – in den Augen ihrer Mitschüler war sie seltsam und fühlte sich fremd. „Ich erfuhr erst 5 Tage vor der Ausreise davon. Danach wurde ich mit dieser Information komplett allein gelassen. Dabei war Westdeutschland wirklich ein komplett anderes Land.“.
Gleichzeitig zerbrach ihre Familie an der neuen Situation. Ihr engster Vertrauter, ihr Onkel, stellte sich als langjähriger Spitzel der Stasi heraus, der Vater versank in Depressionen, die Eltern trennten sich. Schädlich fühlte sich komplett zerrissen. Erst nach dem Fall der Mauer konnte Schädlich anfangen, ihre „beiden Hälften“ langsam wieder zusammenzuführen und verarbeitete ihre Erlebnisse in einem Buch über die kindliche Perspektive der Ausreise bzw. Flucht ihrer Familien aus dem Osten.”Man musste ja gehen, es gab keine Wahl mehr. Man musste alles zurücklassen und es gab kein Zurück. Das war… wie einen Baum fällen. Ankommen war dann aber trotzdem sehr schwer!“

Susanne Schädlich darüber, wie sie über die Ausreise ihrer Familie erfuhr und wie sie den Umzug erlebte:

Während Susanne Schädlich versuchte, sich im Westen zurechtzufinden, kam Max Dehmel täglich nach Ostberlin eingereist. Er arbeitete in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der Hannoverschen Straße 28. Die „Botschaft“ des Westens mitten in Ostberlin wurden von vielen Ausreisewilligen als Tor in den Westen gewähnt. Dehmel stellt allerdings klar: „Es war schnell klar,

Max Demel, Susanne Schädlich

Max Demel, Susanne Schädlich

dass die Ständige Vertretung keine Hilfe für die DDR-Bürger war.“
Mehrere Male musste die Vertretung geschlossen werden, da sie von etlichen Bürgern einfach besetzt worden war, die ihre Ausreise in den Westen forderten. Eine Forderung, die so von den Vertretern schlicht nicht durchgesetzt werden konnte. Hilfe wurden den Besetzern in Form von Rechtsbetreuung durch den bekannten Rechtsanwalt Vogel versprochen, der ihnen eine Ausreise in absehbarer Zeit versprach und auch tatsächlich ermöglichte. „Rechtsanwalt Vogel hielt sein Versprechen. Alle Leute, die die Vertretung auf dieses Versprechen hin verließen, sind letztlich auch ausgereist.“.

Nicht alle Leute erhielten allerdings die Möglichkeit zur Ausreise oder wurden von der Ostregierung zurAusreise aufgefordert. Holger Kulick erzählt anschließend von den Kategorisierungen der Stasi: „Polarisierende Unruhestifter, die sollten so schnell wie möglich raus. Die Schüchternen, die wurden dann eher in die Mangel genommen beziehungsweise durch Zersetzungsmaßnahmen gestraft. Es gab da ein richtiges Kategorisierungssystem.“. Von den Zersetzungsmaßnahmen berichten auch Holger Kulick und Ekkehard Maaß. Maaß erzählt: „Hier im Salon gab es dann ja auch einen Typen von der Stasi [eher im Nachhinein wurde das erkannt]. Der streute auch immer Informationen à la: Mit dem dort drüben darfst du nicht reden, der ist auf jeden Fall bei der Stasi! Und so. Da hat er auch aktiv zersetzt hier zwischen den Menschen.“.

Kulick über das Stasi-Kategorisierungssystem:

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Holger Kulick beim Erzählsalon am 07. August 2014

Holger Kulick, damals schon als Journalist im Westen tätig, erinnert sich: „Wir bekamen wahnsinnig viele Anfragen, ob wir nicht über eine Fall berichten können von zerrissenen Familien, Repressionen etc., um so die Leute raus zu holen.“. Er erinnert außerdem an den Arbeitskreis Gerechtigkeit: „Das ist eigentlich ein Ding, dass dieser Gruppe nicht mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Dort wurde vielen Menschen Hilfe zur Ausreise gegeben, aber auch Hilfe zum Bleiben. Viele wollten ja gerne bleiben und wurden aber massiv unter Druck gesetzt.“.

 

Wie es beim Erzählsalon üblich ist, schlossen sich auch diesmal an die Erzählungen des Podiums wieder die Fragen und Erzählungen des Publikums an. Es dreht sich vor allem um die Zeit kurz vor dem Öffnen der Grenzen, als die Fluchtbewegungen aus dem Osten ihren Höhepunkt erreichten: „Im Sommer `89 flohen so viele Leute, dass die Sonnenburger Straße komplett leer war. Die ganzen Häuser hier – alle leer. Die Wohnungen noch komplett eingerichtet, mit Essen und allem. Alles leer.“, so Ekke Maaß.

Auch Max Dehmel hatte beobachtet: „Ich war jedes Jahr in der DDR. Es wurde immer schlechter. Jedes Jahr war die Versorgung, die Stimmung, alles schlechter.“. Als dann die Mauer fiel, knallten vielerorts die Korken. Maaß war jedoch sicherlich nicht der Einzige, der folgendes empfand: “ Ich hatte soviel Grenzleid erfahren – mir war nicht nach Korkenknallen.“.

Zum Abschluss des Salons zum Thema „Ausreise oder Bleiben“ bemerkt Susanne Schädlich noch einmal etwas, was während der 1 ½ Stunden des Gesprächs so noch nicht ausgesprochen wurde: „Es wird der Sache gar nicht gerecht, nur über „gehen“ oder „bleiben“ zu diskutieren. Es war schließlich eine Wahl zwischen einem Leben in der Demokratie und einer Diktatur. Das darf man nicht vergessen.“.