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Erzählsalon 07. September: Bock auf Zoff? Die Umwelt-Bibliothek war mehr als Umwelt

Von außen sieht das ehemalige Pfarrgebäude in der Griebenowstraße 15 wahrscheinlich in etwa genauso aus, wie vor 25 Jahren. Einen Steinwurf von der Zionskirche entfernt lebte dort vor 25 Jahren Pfarrer Hans Simon, der seinen Keller jungen Systemkritikern zur Verfügung stellte, die dort  nach und nach die einschlägig bekannte „Umwelt-Bibliothek“ aufbauten.

Die Umwelt-Bibliothek war, ihrem Namen gemäß, natürlich eine Bibliothek – sie war aber auch noch weit mehr als das. Sie war eine Sammelstelle für unabhängige Zeitungen und Literatur aus dem Westen, sie beherbergte eine Druckmaschine, mit deren Hilfe die Systemkritiker Flugblätter unter dem Titel „Umweltblätter“ druckten und dann verteilten, und sie beherbergte Treffen, Lesungen oder Kunstausstellungen.

Um 19 Uhr treffen wir uns vor der Griebenowstraße 15, gespannt, die Räumlichkeiten in Augenschein zu nehmen, in denen all dies vor 25 Jahren stattgefunden hat. Mit unter den Wartenden sind die Zeitzeugen des anschließenden Erzählsalons Brigitte Gehrke, Hans-Jürgen Röder, Siegbert Schefke und die Moderatorin Stephanie von Hayek. Als wir dann erwartungsvoll die Treppen in den geschichtsreichen Keller stiegen, sahen wir allerdings ein etwas anderes Bild als das, was der heutige Kameramann und Journalist Siegbert Schefke und Co. wohl noch in Erinnerung gehabt haben dürften. Das komplette Gebäude wurde inzwischen aufwendig saniert und auch der muffige Keller von ehemals ist heute einem modernen Bürobereich mit Deckenstrahlern, gekalkten Wänden und spiegelndem Boden gewichen. „Das hier hat mit dem von früher natürlich überhaupt nichts mehr zu tun.“, stellt Schefke sofort fest. „Wie schön, dass es hier drinnen tatsächlich auch nicht stinken kann!“

Dennoch können wir uns nun, mithilfe der Fotos, die wir später sehen werden, ein relativ genaues Bild der ehemaligen Bibliothek machen, um die es in der nun folgenden Gesprächsrunde auf der Empore in der Zionskirche geht.

Hören Sie selbst, wie die Zeitzeugen die Umweltbibliothek von damals beschreiben:
Brigitte Gehrke beschreibt den Keller im Vergleich jetzt und damals:
Hans-Jürgen Röder über die Umweltbiblithek und deren Nutzung:

Siegbert Schefke beim Erzählsalon am 07. September © B.Friemel

Siegbert Schefke, als einziger ehemaliger Ostbürger unter den Podiumsgästen, war 1986 einer der Mitbegründer der Bibliothek. Hans-Jürgen Röder, westdeutscher Berichterstatter für den Evangelischen Pressedienst, und Brigitte Gehrke, private Unterstützerin der Umwelt-Gruppe in Westdeutschland, und Schefke kennen sich alle bereits aus Tagen der Umwelt-Bibliothek.

Schefke gehörte vor der Gründung der Bibliothek in der Griebenowstraße dem Friedrichsfelder Friedenskreis an. Er suchte Kontakt zur Opposition, den er dort auch fand. Letztlich hatten er und einige andere jedoch das Bedürfnis, ein wenig mehr zu tun, als nur innerhalb des Kreises zu agieren. Also baten sie Pfarrer Simon um einen Raum, um dort ein Informationszentrum aufzubauen. Der Pfarrer bot ihnen den einzigen Raum an, den er zur Verfügung hatte – den Keller. „Wir wollten mehr machen, als uns nur um unseren eigenen Quatsch kümmern. Wir wollten ein Informationszentrum aufbauen und ja, auch missionieren.“, so Schefke.
Schefke über sein Wollen und Tun in der UB:

Hans-Jürgen Röder beim Erzählsalon in der Zionskirche © B.Friemel

Um dieses Informationszentrum allerdings zu einem solchen werden zu lassen, brauchten die Oppositionellen jede Menge Hilfe, vor allem die aus dem Westen. Sie brauchten Bücher, Fachliteratur, Zeitungen und Magazine wie den Spiegel, die TAZ und den Stern aus dem Westen, für die Druckmaschine (wo heute gar niemand mehr weiß, woher die eigentlich kam) brauchte man Pelikan-Tinte, Matrizen, Papier und dergleichen. Hans-Jürgen Röder, als West-Korrespondent, gehörte zu den wichtigsten Schmugglern für das heißbegehrte Material. Mit einem großen Aktenkoffer transportiert er wöchentlich „Schmuggelware“ in die Griebenowstraße 15.

Dazu Röder: „Der Austausch zwischen Ost und West war ja rechtlich auch vorgesehen. Als Korrespondent erhielt ich eine kleine Karte, die die Grenzbeamten zur bevorzugten Behandlung anhielt; in ca. 2 Minuten war ich dann in der Regel durch die Grenze. Wir hatten auch Sonderkennzeichen am Auto, da wurde man so gut wie durchgewunken. Der Kofferraum wurde sehr selten mal aufgemacht“.

Röder über die privilegierten Grenzübergänge:
Siegbert Schefke darüber, wie er mit Westkorrespondenten Absprachen zur Übergabe der Schmuggelware hielt:

Auch Brigitte Gehrke unterstützte die Gruppe nach Kräften. Da sie allerdings nicht von einem Korrespondentenstatus profitierte, waren ihre Möglichkeiten begrenzt und sie erhielt später auch in Einreiseverbot in den Osten. „Aber ich konnte ja noch nach Polen und Tschechien. Wir trafen uns dann oft mit den Leuten der UB in Tschechien. Durch die Überwachung wusste man allerdings nie, wer denn dann am Ende tatsächlich alles ankommen würde.“
Zum Nachhören:

Gehrke über die Unterstützergruppe der Umweltbibliothek, die sie im Westen gründeten:

Den von Schefke angesprochenen Missionarauftrag erfüllten die Aktivisten der Umwelt-Bibliothek durch das Verfassen der bereits erwähnten Umweltblätter. In diesen Flugblättern wurden sowohl klassische Umweltthemen diskutiert, in vier von fünf Fällen klärten die unter der Hand verteilten Blätter allerdings über politische und gesellschaftliche Missstände auf. Die Informationen für die Blätter wurde den Systemkritikern in der Griebenowstraße von Informanten zugetragen, welche in der Regel auch die passende Beweise heranschafften. „Man musste sich natürlich auf die Angaben dieser Leute verlassen“, so Schefke, „aber in der Regel hat das schon gestimmt, was uns erzählt wurde. Und die Westpresse hat uns die Blätter aus den Händen gerissen!“. Natürlich waren außerhalb der staatlichen Medien entstandene Schriftstücke immer eine wichtige Informationsquelle für die Medien außerhalb des SED Regimes. Aus einigen Geschichten der Umweltblätter entstanden Leitartikel, die dann im Stern oder im Spiegel veröffentlicht wurden. Schefke über ein Beispiel:

Inwiefern stellte sich die Umwelt-Bibliothek noch als Widerstand dar? Bereits in der Diskussionsrunde mit dem Publikum auf der Zionskirch-Empore fällt der Fokus diesbezüglich noch einmal auf den „Umweltbegriff“. Ein Bekannter der Podiumsgäste im Publikum, der offenbar selbst in die Bibliothek involviert war, stellt klar: „Das Begriff ‘Umwelt’ war natürlich auf eine gewisse Art und Weise auch als Deckmantel oder Schutzmechanismus zu sehen. Eine Umweltgruppe erregt natürlich erst einmal wesentlicher weniger Argwohn als eine von vornherein politische. Aber mit ‘Umwelt’ war damals einiges mehr gemeint als nur grüne Themen. Das umfasste für uns Themen wie Menschenrechte, Freiheit, Lebensbedingungen und so weiter.“

Durch eine Verhaftungsreihe von sieben Umwelt-Bibliothek-Aktivisten im November ’87 kam es dann zu großangelegten Mahnwachen an der Zionskirche, die letztendlich auch die Freilassung der Aktivisten erwirkte. Dies wurde als großer Triumph der oppositionelle Bürgerbewegungen generell wahrgenommen.

Abschließend fragt die Moderatorin Stephanie von Hayek nach einem Abschlusswort. Während sich, wie wir es auch schon in den anderen Erzählsalons gehört haben, die Zeitzeugen alle einig sind, dass sie in den Tagen dersgeteilten Deutschlands unter ihren Mitstreitern gute Gefährten fürs Leben gefunden haben, stellt Schefke noch einmal fest:

„Es waren andere Zeiten. Aber es ist sehr gut, dass sie vorbei sind.“

Zum Abschlussnoch einmal Siegbert Schefke über die Auswirkungen seines Arbeitsverbots: