Evangelische Kirche hüben & drüben

Ausführlich gesagt:„Evangelische Kirche hüben & drüben: Was trennte – Was verband?“. Das Erzählcafé an diesem Sonntag, dem 27. April, widmete sich einem Thema, welches bereits letzte Woche in einigen Redebeiträgen immer wieder zur Sprache kam. Wie war das Verhältnis der Kirche im Osten zu der des Westen und umgekehrt? Welche Verbindungen finanzieller, personeller und spiritueller Art blieben nach dem Mauerbau bestehen oder entwickelten sich neu?

Von ihren diesbezüglichen Erfahrungen berichteten die Altbischöfe Dr. Martin Kruse (als Westpartei) und Axel Noack (Osten), der Pfarrer Lothar Wittkopf (Westen), sowie der

Pfarrer Lothar Wittkopf und Dr. Christian Halbrock

Dr. Christian Halbrock im Gespräch mit Altbischof Axel Noack

Mitbegründer der Umweltbibliothek Dr. Christian Halbrock (natürlich auch aus dem Osten) und der Politologe und Geschichtswissenschaftler Dr. Jan Philipp Wölbern, der zum Häftlingsfreikauf in der DDR forschte.
 Geleitet wurde das Gespräch am Sonntag von dem Journalisten Peter Wensierski, der seinerseits zu DDR-Zeiten mitten in der Ost-West Kommunikation stand, da er ab 1979 für den evangelischen Pressedienst als Reisekorrespondent in der DDR tätig war.

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Altbischof Martin Kruse

Vorweg gestellt sei, dass sich alle Podiumsredner einig sind, dass über die Jahre der Teilung eine Entfremdung der Kirchen im Osten und der im Westen stattgefunden hat. Altbischof Kruse reminisziert, dass die Kirche von der politischen Trennung des Landes zwar eigentlich nicht betroffen gewesen sei, und regelmäßig gemeinsame Tagungen im Osten stattfanden. Dennoch erkennt er im Nachhinein, dass eigentlich erwartet wurde, dass jeder bei seinen eigenen Schäfchen bleibt und sich in die Angelegenheiten des Anderen nicht einmischen sollte. Er erkennt heute: “Wir hätten uns kritischer zueinander verhalten müssen! Nach dem Mauerfall standen wir dann da und verstanden uns nicht mehr…”

Auch Altbischof Axel Noack, als im Osten tätig gewesener Bischof, teilt die Ansicht seines West-Kollegen: “Man bildete sich ein, sich gut zu kennen. Dann, nach dem Fall der Mauer ’89, gab es plötzlich eine große Diskrepanz. Im Westen rief man: Freut euch, jetzt seid ihr frei! Und wir im Osten dachten: Aber das war doch unser Leben….”

Trotz aller Versäumnisse gab es dennoch viele Menschen, die an ihren Brüdern und Schwestern im jeweils anderen Teil Deutschlands fest hielten und, in Christian Halbrocks Worten, „gemeinsam Geschichte schrieben. Persönliche wie historische, widersprüchliche sowie harmonische”. Er verweist dabei vor allem auf die Arbeit der Basisgruppen der Kirche im Osten. „Von 290 Kirchengemeinden in Rostock hatten 200 davon Partnerschaften in den Westen!“ Pfarrer Lothar Wittkopf erzählt ebenfalls von den Bemühungen seiner Gemeinde, insbesondere bei der Jugendarbeit einen Kontakt zwischen Ost- und Westchristen herzustellen.

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Der Spiegel-Journalist Peter Wensierski beim Erzählcafé vom 27.04.2014

Thematisiert wurden auf dem Podium unter dem blauen Fenster außerdem die Diskrepanz zwischen Basis und Kopf der Kirche. Retrospektiv betrachtet scheinen sich alle darüber einig zu sein, dass eine beträchtliche Distanz zwischen der oft sehr politischen Basis der Kichengemeinden, vor allen Dingen im Ostteil Deutschlands, und der Führung der Kirche bestand. Dazu Kruse: „Besonders als West-Bischof habe ich mich sehr gescheut, zu den Basisgruppen zu gehen, weil ich dachte, dort eher Konflikte zu schüren. Heute zweifele ich sehr an dieser damaligen Entscheidung“. Wensierski, der von Beruf wegen oft in den DDR-Gemeinden unterwegs war, weiß: „Die Ost-Kirchenleute haben vor der Westkirche vieles verheimlicht“. Da aber „immer nur die ‘da oben’ und nie ‘die da unten’“ besucht wurden, obwohl viel brisantes „da unten“, also in den Basisbewegungen statt fand, war das Verheimlichen scheinbar aber auch nicht besonders schwer.
Ein Beispiel zur Verheimlichung bestimmter Vorkommnisse aus dem Arbeitsleben Wensierskis:

Ein weiteres sehr interessantes Thema wurde am Sonntag angerissen, welches leider ob der

Dr. Jan Phillip Wölbern und Pfarrer Wittkopf

Dr. Jan Phillip Wölbern und Pfarrer Lothar Wittkopf

schieren Vielfalt interessanter Redner und Themen etwas zu kurz kam: Der Häftlingsfreikauf von christlichen politischen Häftlingen durch die Kirche bzw. die Diakonie. Wölbern erzählt, dass ca. 250.000 politische Häftlinge zu einem Tauschwert von insgesamt etwa 3,4 Milliarden Deutsche Mark entweder befreit oder in den Westen überführt werden konnten. Besonders von denjenigen, die nicht das Privileg hatten, zu den Befreiten zu gehören, wird dieser Handel nach wie vor eher kritisch beäugt.

Zum Nachhören: Wie funktionierte der Häftlingsfreikauf?
So begann der Freikauf:
So war der Handel organisiert:
Die Größenordnung des Häftlingsfreikaufs (oder Familienzusammenführungen):

Ein Fazit fand am Ende Bischof Kruse: „Die unterschiedlichen Erfahrungswerte zeigen: die evangelische Kirche ist ein vielgestaltiges Unternehmen. Das ist ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche. Die wichtigste Frage, die wir mitnehmen sollten, ist doch: Nehmen wir uns gegenseitig genügend wahr? Es ist wichtig, im Lichte der Geschichte selbstkritisch zuzuhören, statt immer nur seine eigene Platte abzuspielen.“.